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Sicher reisen – Wie gefährlich ist der Terrorismus für Urlauber wirklich?

Wasserpistole
Dean Hochman CC BY 2.0

Soll ich derzeit wirklich in die Türkei fliegen? Sollte man sich von Terrormeldungen in den Nachrichten abschrecken lassen? Wie gefährlich sind Urlaubsreisen wirklich? Schwer bei der derzeitigen Flut an Informationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Deshalb folgt hier der Versuch, die Gefahrenlage möglichst objektiv einzuschätzen.

Etwas Statistik zu Reisen in vermeintlich gefährliche Regionen

Manch eine liebt sie, der andere hasst sie. Aber in diesem Fall sind ein paar Statistiken unentbehrlich. Halten wir es kurz: Die Zahlen lassen schon mal aufatmen. Denn da sind einige Gefahrenquellen in Deutschland, die den Terroranschlag im Urlaubsland weit in den Schatten stellen.

Wahrscheinlichkeiten der häufigsten Todesursachen im Vergleich zur Wahrscheinlichkeit, während eines Urlaubs im Nahen Osten oder Nordafrika durch einen Terroranschlag ums Leben zu kommen
Todesursache20142015
Mord1,8 Mal höher6 Mal niedriger
Verkehrsunfall19 Mal höher1,7 Mal höher
Herzinfakt (20-29 Jahre)27 Mal höher2,5 Mal höher
Sturz56 Mal höher5,3 Mal höher
Unfall114 Mal höher10 Mal höher
Herzinfakt (30-39 Jahre)221 Mal höher20 Mal höher
Herzinfakt (40-49 Jahre)1385 Mal höher126 Mal höher
Herzinfakt (50-59 Jahre)4397 Mal höher400 Mal höher

 

Anmerkungen zur Tabelle:

  • Die Tabelle stellt das Risiko, bei einem Aufenthalt im Nahen Osten oder Nordafrika durch Terrorismus getötet zu werden, dem Risiko verschiedener potentieller Todesursachen im gleichen Zeitraum in Deutschland gegenüber. Da es zwar internationale Tourismusdaten zum jährlichen Besucheraufkommen einzelner Länder, nicht aber zur Anzahl der Übernachtungen gibt, wurde hier vereinfachend davon ausgegangen, dass der durchschnittliche Urlaub in dieser Region 10 Tage dauert. Liegt der wahre Wert darüber, so wären auch die Wahrscheinlichkeiten in der Tabelle proportional höher und umgekehrt.
  • Im Jahr 2014 wurden im Nahen Osten und Nordafrika 6 Touristen durch Terrorakte getötet. 2015 waren es 66.[1] Alle anderen Daten zu Todesfällen in der Berechnung basieren jedoch auf dem Jahr 2014.[2,3] Dadurch kommt in der Spalte 2015 eine minimale Abweichung vom wahren Wert zustande.
  • Natürlich ist zu Hause zu bleiben nicht die gefährlichere Alternative. Denn auch während des Urlaubs kann man beispielsweise im Straßenverkehr sterben.

Um einen statistisch möglichst aussagekräftigen Wert zu erhalten, wurden die gefährlichsten Länder in Hinblick auf Terroranschläge aggregiert (vgl). Hier liegt jedoch auch die Kehrseite der Berechnung. Denn nicht alle Länder sind gleich. In einer ausgewählten Region eines ganz speziellen Landes kann während eines kurzen Zeitraums die Terrorgefahr deutlich vom angegebenen Wert abweichen. Deshalb sollte die Tabelle auch nur der ersten groben Orientierung dienen. Wer ganz sicher gehen will, sollte sich also etwas genauer über sein individuelles Urlaubsziel informieren.

Informationsquellen zur Terrorgefahr

Reiseveranstalter

In den Medien werden immer wieder Aussagen der Reiseveranstalter zitiert. Da lautet es regelmäßig:

  • Die meisten deutschen Gäste fahren an die türkische Riviera und lassen sich von den Vorfällen nicht verunsichern.
  • Die Türkei gehört in diesem Jahr zu den gefragtesten Zielen von Spätbuchern. Daran hat sich in den vergangenen Tagen nichts geändert. Die Lage vor Ort ist ruhig…
  • …Uns liegen derzeit keine Informationen vor, die aktuell auf ein besonderes Sicherheitsrisiko für Touristen in den Baderegionen hinweisen…
  • …es gibt keinen Grund, weswegen sich Reisende um die bevorstehenden Ferien sorgen müssen.

Haben die Reiseveranstalter mit ihren entwarnenden Stellungnahmen recht? Vielleicht! Aber da hier möglicherweise wirtschaftliche Interessen die Motivation sind, sollte man sehr vorsichtig sein. Nichtsdestotrotz ist jeder Reiseveranstalter mit der lokalen Sicherheitslage rund um die angebotenen Reiseziele gut vertraut. Ist beispielsweise von Auseinandersetzungen auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel zu hören, heißt das noch lange nicht, dass ein Hotelaufenthalt in Hurghada gefährlich sein muss. Wichtig ist aber zu wissen, über welchen Flughafen die Reise geht, durch welches Gebiet der Transfer zum Hotel führt u.v.m. In solchen Fällen geben die Informationen der Reiseveranstalter Aufschluss.

Massenmedien

Fernsehen und Presse berichten ebenfalls immer wieder gerne über die Terrorgefahr am Badestrand. Um es vorsichtig auszudrücken: Es hat den Anschein, dass Bedrohungen hier tendenziell etwas mehr Gehör finden als Entwarnungen. Aber selbstverständlich gibt es auch sehr große Unterschiede in der Berichterstattung. Die Bild titelt beispielsweise Terror an unseren Ferien-Stränden geplant! und schürt eher die Reiseangst (Zitat: Getarnt als Strandverkäufer sollen Selbstmordattentäter an europäischen Stränden morden!). Ein Artikel der Süddeutschen hingegen liest sich eher wie ein Appell, sich vom Terrorismus nicht die Reiselust verderben zu lassen (Zitat: Tourismus ist das Gegenteil von Terrorismus…Wo Tourismus funktioniert, hat es Terrorismus schwerer als anderswo.). Wer aber nicht gerade an den Strand von El Arenal fährt, wird es schwer haben, in den großen Medien konkrete Informationen zum eigenen Urlaubsziel zu finden. Besser, detaillierter und fundierter – die Webseite des Auswärtigen Amts.

Das Auswärtige Amt

Die wichtigste Institution, deren Einschätzung bei keinem Thema fehlen darf, dass sich um Gefahren auf Reisen dreht, ist das Auswärtige Amt. An den offiziellen Reisewarnungen des AA orientieren sich Medien, sowie Reiseveranstalter und Reisende. Die Website sollte definitiv bei keiner Recherche fehlen.

Pro

  • Die Informationen sind umfassend. Es gibt Reise- und Sicherheitshinweise zu 199 Staaten, darunter auch nicht einheitlich anerkannte Staaten wie Palästina oder Kosovo. Außerdem wird auch detailliert auf einzelne Regionen eingegangen.
  • Die Hinweise auf der Website werden regelmäßig aktualisiert. Zumindest für die Reiseplanung reicht es allemal. Vor Ort sollte man ggf. tagesaktuelle Informationen aus den lokalen Nachrichten beziehen.
  • Das Auswärtige Amt informiert fundiert und im Interesse der allgemeinen Sicherheit. Die Einschätzungen beruhen auf zahlreichen Vertretungen vor Ort (deutsche Botschaften und Generalkonsulate). Als Bundesministerium steht das AA im öffentlichen Fokus. Da Reisehinweise weitreichende Folgen haben können, werden diese sicher nicht leichtfertig ausgesprochen.

Kontra

  • Da das Auswärtige Amt als Bundesministerium Sprachrohr der Bundesregierung ist, können Reisewarnungen wirtschaftliche und auch politische (bzw. diplomatische) Folgen haben. Diese Interessen müssen aber nicht immer mit dem Sicherheitsinteresse übereinstimmen.

Global Terrorism Database

Wer mal eben schnell vergleichen möchte, wo es wann wie viele Anschläge, Verletzte oder Tote gab sollte unbedingt die Webseite des GTD (englisch) besuchen. Wer Zeitraum und Land in die Suchmaske eingibt, bekommt eine übersichtliche Liste ausgespuckt, der man die Anzahl der Toten, Verletzten und einen kurzen Steckbrief zu jedem verübten Anschlag entnehmen kann. Für manch einen mag es vielleicht zu makaber sein, seine Reisepläne mit Todesstatistiken zu beginnen. Aber wer diesen Artikel liest, bezieht ja den Terror offensichtlich schon längst in seine Urlaubsplanung ein.

Wo ist es aktuell gefährlich?

Wie bereits erwähnt, empfiehlt es sich, immer die aktuellsten Informationen zum Reiseziel einzuholen. Ein halbes Jahr nach Erscheinen dieses Artikels sieht die Situation mit größter Sicherheit schon wieder völlig anders aus. Ganz allgemein kann man aber sagen, dass einige Kontinente gefährlicher als andere sind. Derzeit verteilt sich die Anzahl offizieller Reise- und Teilreisewarnungen folgendermaßen (Stand 17.11.2016):[4]

  • Afrika: 15
  • Asien: 9
  • (Naher und Mittlerer Osten: 8)
  • Europa: 1
  • Nordamerika: 0
  • Südamerika: 0
  • Australien: 0

*Grund für die Reise- und Teilreisewarnungen des Auswärtigen Amts sind neben Terrorismus häufig auch Kriegerische Auseinandersetzungen, Naturkatastrophen, atomare Katastrophen und Kriminalität (Piraterie, Überfälle, Entführungen, Plünderungen).

Unter den beliebtesten Urlaubszielen ist es aktuell besonders gefährlich in der Ukraine und in Ägypten. In der Ukraine betrifft das an der Küste des Schwarzen Meeres vor allem die Halbinsel Krim. In Ägypten sollte man den Norden der Halbinsel Sinai sowie entlegene Gebiete in der Sahara unbedingt meiden.

Wo war es schon immer gefährlich?

Sortiert man die Staaten der Erde nach Terroropfern, erhält man ein trauriges Ranking. Die folgenden 30 Länder waren zwischen 2012 und 2015 weltweit führend in der Terrorismusstatistik. Darunter auch einige beliebte Reiseländer (hervorgehoben) wie Ägypten oder Thailand.

RangLandJährliche Todesopfer durch
Terror pro 1 Mio. Einwohner
1Irak237
2Afghanistan154
3Syrien106
4Somalia105
5Libyen67
6Zentralafrikanische Republik57
7Jemen55
8Südsudan31
9Libanon25
10Nigeria24
11Kamerun19
12Westjordanland und Gazastreifen15
13Pakistan13
14Ukraine12
15Niger10
16Mali9
17Sudan7
18Chad6
19Burundi6
20Kenia5
21Demokratische Republik Kongo4
22Ägypten4
23Philippinen4
24Bahrain4
25Tunesien4
26Kolumbien3
27Thailand3
28Türkei3
29Israel3
30Kuwait2

 

Diese Zahlen basieren nicht auf getöteten Touristen, sondern auf allen verzeichneten Opfern (einschließlich Terroristen). Man kann sie etwa folgendermaßen interpretieren: Wer ein Jahr in Ägypten verbringt, hat eine Chance von 1:250 000, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen. Bei einem 10-tägigen Aufenthalt sinkt das Risiko sogar auf 1: 9,1 Mio. Allerdings relativiert sich diese Zahl etwas, wenn man berücksichtigen würde, dass man als Tourist evtl. ein bevorzugtes Anschlagsziel ist.

Was, wenn die Reise schon gebucht ist?

Wer eine geplante Reise nicht antritt, kann dies zum einen per Kündigung, zum anderen per Rücktritt tun. Ein Rücktritt ist jederzeit ohne Angabe von Gründen möglich, bringt jedoch teilweise hohe Entschädigungsgebühren mit sich, die an den Reiseveranstalter zu zahlen sind. Bei einer Kündigung dagegen brauchen nur bereits erbrachte Reiseleistungen oder zur Beendigung der Reise noch zu erbringende Reiseleistungen gezahlt werden. Es muss jedoch ein anerkannter Fall höherer Gewalt vorliegen. Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes und anderer Stellen reichen allein nicht aus. Gerade, weil Terror als Kündigungsgrund umstritten ist, empfiehlt es sich, eine Reiserücktrittsversicherung abzuschließen, um für einen Storno bei Terroranschlag am Reiseziel abgesichert zu sein. Politische Unruhen, Terror und unvermeidbare Sicherheitsrisiken gelten als „außergewöhnliche Umstände“, wegen derer eine Fluggesellschaft keine Schadensersatzzahlung an die Passagiere leisten muss.

Fazit

Nimmt man das Auswärtige Amt beim Wort, besteht in einigen Regionen auf der Erde eine deutliche Gefahr durch den Terrorismus. Und auch die Zahlen der Vergangenheit legen nahe, dass man in einigen Nahost-Staaten um sein Leben fürchten sollte. Betrachtet man ausschließlich Urlaubsländer, entpuppt sich das Schreckgespenst Terrorismus aber eher als Wadenbeißer. Reisewarnungen gibt es nur für Teile der Ukraine und Ägypten und auch in der Vergangenheit lag in typischen Reiseländern die Chance, durch Terrorismus ums Leben zu kommen, eher im homöopatischen Bereich. Die Gefahr ist also gefühlt viel größer als real. Man sollte allerdings bedenken, dass wir hier ausschließlich die Todesgefahr untersucht haben. Daneben gibt es natürlich viele weitere Aspekte, die gegen einen Urlaub in politisch labilen Ländern sprechen. Da wären beispielsweise Kriminalität, Terrorgefahr ohne Todesfolge, zerstörte Infrastruktur, um nur einige zu nennen. Das Auswärtige Amt schreibt dazu:

„Die Gefahr, Opfer eines Anschlages zu werden ist im Vergleich zu anderen Risiken, die Reisen ins Ausland mit sich bringen, wie Unfällen, Erkrankungen oder gewöhnlicher Kriminalität, vergleichsweise gering.“

 

Quellen:

  1. National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism (START). (2013). Global Terrorism Database [Data file]. Retrieved from http://www.start.umd.edu/gtd
  2. International tourism, number of arrivals, worldbank.org
  3. GENESIS-Online Datenbank des Statistischen Bundesamts, destatis.de
  4. Reisewarnungen des Auswärtigen Amts, auswaertiges-amt.de