strände guide

Die Sandkrabbe

Rushen! CC BY-SA 2.0

Hier kommt mal wieder ein Bericht aus dem reichhaltigen Reise-Erfahrungsschatz von Hubert. Diesmal hat ihn ein Segeltörn nach Thailand verschlagen, wo er beim Bierchen am Traumstrand auf einen noch größeren Lebenskünstler getroffen ist und auch gleich ein bischen Nachhilfe in Biologie und Lebensweisheit bekommen hat. Viel Spaß beim lesen!

Wir sind in Thailand. Ich habe mal wieder meinem Freund Klaus bei der Überführung einer Segelyacht geholfen. Wir hatten außergewöhnlich guten Wind und sind fast vier Tage vor unserer geplanten Ankunft hier eingetroffen. Der Besitzer des Bootes wird erst am Wochenende einfliegen und der reservierte Hafenplatz ist auch noch nicht frei. Also haben wir in der Chalong Bucht im Südosten der Insel Phuket den Anker geworfen und haben tatsächlich mal richtig Urlaub. Na zumindest ich habe Urlaub. Klaus verdient mit Yachtüberführungen sein Geld und nutzt die Wartezeit zur Pflege seiner Website und sucht nach neuen Aufträgen. Ich schnappe mir das Beiboot und fahre zum Strand. Nach den vielen Tagen auf See ist mir nach Menschen, nach Trubel, nach Fastfood und Feiern. Doch schon nach zwei Stunden Touristenmeile in der Nachmittagssonne bin ich vollends geheilt. Ich verkrieche mich in den Schatten einer, etwas abseits gelegenen, unscheinbaren Strandbar und gönne mir ein kühles Bier. So lasse ich mir das Leben gefallen. Vier Tage Phuket auf Spesenkosten, es gibt sicher Schlimmeres. Und als ich so entspannt über die Ankerbucht blicke, dem lieben Gott dankbar bin und so richtig die Seele baumeln lasse, bricht bei den Angestellten der Bar ein kleiner Tumult aus. Alle lachen, deuten auf den Strand und rufen immer wieder: „Jakajan-Talay … Jakajan-Talay.“.

Ich kann am Strand nichts Ungewöhnliches entdecken. Mein fragender Blick löst erneutes Gelächter aus. Eine Frau am Nachbartisch erbarmt sich meiner, und versucht zu übersetzen. Leider auf Französisch: „Crabe du sable“ sagt sie und zeigt ebenfalls auf den Strand. Ich kapier immer noch nix. Ihr Begleiter versucht es auf englisch „Sand bubbler crab“ . Mittlerweile sind alle im Lokal auf mich aufmerksam geworden und amüsieren sich köstlich. Ich wiederhole laut „Crabe du sable ???“ und „Sand bubbler crab ???“ und übersetze für mich Sandkrabbe? Lachend erlöst mich ein deutscher Gast. „Schau, der Typ da. Den nennen sie hier Jakajan-Talay also des meint Sandkrabbe. Der kümmt ab und an daher und baut Sandskulpturen. Komischer Kauz, aber ein echter Künstler. Musst du dir angucken!“ Am Strand hat sich mittlerweile eine kleine Menschenmenge gebildet. Mein fragender Blick in die Runde wird mit „Daumen hoch“ und auffordernden Gesten beantwortet. Also schnapp ich mir mein Bier und schlendere runter an den Strand. Dort kniet ein Mann und baut mit Kindersandspielzeug Skulpturen in den Strand. Wie von Zauberhand entsteht unter dem Beifall der Zuschauer eine kleine Märchenwelt. Der „Typ“ ist geschätzte 50. Er hat einen kurz gestutzten Vollbart und seine langen, grauen Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Vom Typus her vermutlich ein Mitteleuropäer, aber seine braungebrannte Haut verrät mir, dass er wohl schon länger in der südlichen Sonne lebt. Er arbeitet schnell und schweigend, als würde er sein Publikum überhaupt nicht wahrnehmen. Dennoch spielt er mit seinen Zuschauern. Immer wieder beginnt er Figuren zu bauen und die Zuschauer mutmaßen, was denn entstehen wird. In dem Moment, wo sich die Meute einig ist, was er da gerade baut, verändert er sein Werk mit wenigen Handgriffen und präsentiert der applaudierenden Menge ein völlig überraschendes Ergebnis. Ich bin schwer beeindruckt und lasse mich schnell mitreißen. Wirklich ein Künstler! Zum krönenden Abschluss formt er noch eine Meerjungfrau mit dem Gesicht einer der umstehenden Frau. Ganz großes Kino! Die einlaufende Flut beginnt bereits an den ersten Skulpturen zu nagen und mir wird klar, dass von all den kleinen Kunstwerken in spätestens zwei Stunden nichts mehr übrig sein wird. Wirklich schade.

Der Mann packt sein Sandspielzeug zusammen und wenig später sitze ich mit ihm in der Strandbar beim Bier. Der „kauzige Typ“ heißt eigentlich Volker und ist Deutscher. Er ist seit einigen Jahren mit seinem Segelboot auf Langzeitfahrt und irgendwie in Thailand hängen geblieben. Als Autor und Journalist kann er genug Geld verdienen, um hier gut zu leben. Er lebt und arbeitet auf seinem Boot und so haben wir sofort mehr als genug Gesprächsstoff. Da die Bedienungen im Lokal Volker gut zu kennen scheinen und ihn mit „Jakajan-Talay“ ansprechen, frage ich ihn nach seinem Spitznamen. Volker lacht und beginnt zu erzählen:

„Ja, das ist schon irgendwie passend. Witzige Geschichte hat fast schon was Philosophisches. Jakajan-Talay ist die Sandkrabbe. Die kleinen Viecher leben hier überall in Höhlen an den Stränden. Bei Ebbe kommen sie raus und beginnen aus dem Sand Kugeln zu formen. Eine nach der Anderen. So entsteht um den Höhleneingang herum ein wundervolles Muster aus Sandkugeln. Bis die Flut kommt und das Kunstwerk wieder zerstört. Bei der nächsten Ebbe beginnt die Sandkrabbe ihre Arbeit erneut und erneut wird die Flut das Bauwerk wieder zerstören. Tag für Tag, Tide für Tide.

So ist das auch mit meinen Figuren. Sie existieren nur, bis die See sich den Strand zurückholt. Wie bei der Sandkrabbe sehen die Menschen keinen Sinn in meinen Figuren, weil die Flut sie unweigerlich zerstören wird. Und genau wie bei der Sandkrabbe steckt auch bei mir ein tieferer Sinn hinter der scheinbar nutzlosen Arbeit. Die Sandkrabbe ernährt sich, in dem sie Sedimente und Kleinstlebewesen von den Sandkörnern lutscht. Aus den abgelutschten Körnern formt sie eine Kugel und legt diese hinter sich. Es geht nicht um die Skulptur. Genau so wie bei mir. Wenn ich zu lange draußen, alleine in einer der Buchten liege, dann werde ich einsam, dann brauche ich Menschen um mich. Durch die Sandskulpturen und den Spitznamen bin ich kein Fremder hier, obwohl ich nur alle paar Wochen mal auftauche. Jeder hier kennt mich als „Jakajan-Talay“ und ich lerne so immer wieder Leute kennen, die mich inspirieren, die mir Stoff für meine Geschichten liefern. Und wie bei der Sandkrabbe versteht den Sinn meiner Figuren im Sand nur jemand, der sich die Mühe macht genauer hinzusehen. Außerdem macht´s mir wirklich Spaß und das allein würde mir schon genügen.“

Volker grinst und bestellt uns noch ein Bier. Er erzählt mir von seinem Leben vor dem Ausstieg und von den Sorgen, die das Leben als Seezigeuner so mit sich bringt. Momentan hat er Probleme mit dem Strom an Bord. Irgendwo in seiner Bordelektrik steckt wohl der Wurm und ohne Kühlschrank hält sich der Spaß dann doch in Grenzen. Ohne Laptop und Internet kann er kein Geld verdienen und auch sein Buch nicht fertig stellen. Ich habe mich dann, nicht ohne Hintergedanken, als Elektrotechniker geoutet und meine Hilfe angeboten. Ich wollte sein Boot und die Art, wie er lebt, unbedingt sehen.

Der Rest meines Thailandurlaubes ist schnell erzählt. Ich habe noch viele schöne Stunden auf Volkers Boot verbracht. Zwischen Fehlersuche und der Installation einer neuen Solaranlage haben wir stundenlang über das Leben und die grundsätzliche Einstellung dazu philosophiert und auch abends noch lange beim Bier gesessen.

Zum Abschied sagte er dann zu mir: „Siehst du, Jakajan-Talay, die Sandkrabbe. Du bist eigentlich das beste Beispiel. Durch die Sandskulpturen habe ich dich kennengelernt. Jetzt ist meine Elektrik wieder heile, ohne Stress, ohne Werft und fremde Handwerker. Ist doch kein schlechtes Ergebnis für zwei Stunden im Sand spielen, oder?“ Volker grinst sein unverwechselbares Grinsen und drückt mich ordentlich zum Abschied.

Ich habe im Flieger dann mehr als genug Zeit, um über diese Begegnung nachzudenken. Auf meinen Reisen habe ich ja schon einige Aussteiger und Lebenskünstler kennengelernt. Volker, alias Sandkrabbe, ist einer von denen, die wie selbstverständlich ihren Platz gefunden haben. An Thailands schönsten Stränden zu leben, wo andere Urlaub machen, ist sicher ein Traum den viele träumen. Die Sandkrabbe hat sich einfach nur dem Leben am Strand angepasst, und ihr ist es völlig, egal ob wir ihr Tun für sinnvoll halten oder nicht. Menschen, die gelassen und gefestigt genug sind, auf das Urteil ihrer Mitmenschen zu pfeifen sind mir aber noch nicht allzu oft begegnet.