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Das harte Geschäft der Strandverkäufer

Much Ramblings CC BY 2.0

Den Strandverkäufern hätte ich mich hier im Blog schon längst mal widmen sollen. Dann hätte ich sie bei unzähligen Strandbesuchen sicher mit anderen Augen gesehen. Ich wollte eigentlich nur der Frage auf den Grund gehen, ob ich sie mit ihrem schweren Gepäck in der glühend heißen Sonne bemitleiden soll oder ob sie lediglich das letzte Glied eines möglicherweise illegalen, ganz sicher aber ausbeuterischen Wirtschaftszweigs sind, den man unbedingt boykottieren muss. Wie sich herausgestellt hat, ist das Thema aber viel sensibler und vielschichtiger, als ich dachte – sowohl wirtschaftlich als auch ethisch betrachtet.

Strandverkäufer in schlechtem Licht

Liest man im Netz einige Diskussionen zum Thema „Strandverkäufer“, wird eins schnell klar. Es gibt hier reichlich Zündstoff. Denn wo politische Gesinnungen, soziales Verantwortungsbewusstsein, wirtschaftliche Interessen und jede Menge Halbwissen zusammen treffen, erhitzen sich die Gemüter fast zwangsläufig.

Um die ganze Brisanz des Themas zu verstehen, muss man sich zuerst ein wirtschaftliches Grundprinzip des Strandverkaufs bewusst machen. Ähnlich wie beim Internethandel funktioniert auch das Geschäft am Strand so gut, weil der Kunde sich in einem entspannten Umfeld befindet. Für identische Waren wie im Souveniershop der Altstadt ist die Zahlungsbereitschaft am Strand deutlich höher. Unvermeidliche ökonomische Prinzipien sorgen nun dafür, dass diese Zahlungsbereitschaft auch (teilweise) ausgeschöpft wird. Der Preis ist also i.d.R. hoch. Das heißt jedoch nicht, dass der Strandverkäufer davon reich wird. Zum einen machen sich die Verkäufer sehr schnell gegenseitig Konkurrenz, sie verkaufen also vergleichsweise wenig. Zum anderen gehen die relativ hohen Margen in vielen Fällen an die Hintermänner der Organisation (mehr dazu später).

Am Ende haben wir also viele Verkäufer mit überteuerten Artikeln, die wegen ihrer finanziellen Not unter hohem Verkaufsdruck stehen und entsprechend aufdringlich ihre Waren feilbieten. Und auf der anderen Seite stehen – nein Entschuldigung – liegen die Urlauber, die sich ihre Reise hart erarbeitet haben und nichts als Entspannung und ihre wohlverdiente Ruhe suchen. Verschärft wird die Situation gelegentlich noch durch Alkoholkonsum. Strandverkäufer wissen nämlich darum, dass bei angetrunkenen Strandgästen meist noch etwas mehr zu holen ist und setzen den Preis grundsätzlich höher an.

Zurück in Deutschland verliert so mancher kein gutes Wort über die fliegenden Händler in Flip-Flops. Regelmäßig hört man da Aussagen wie:

„Das sind doch alles Illegale!“

Stimmt nicht! Illegale Einwanderer gibt es zwar viele unter den Strandverkäufern, insbesondere in Italien. Verallgemeinern sollte man hier aber keineswegs. In ärmeren Ländern, wie z.B. Thailand oder Mexiko sind die Händler meistens Einheimische. In Europa handelt es sich i.d.R. um Nordafrikaner, Senegalesen oder sie stammen aus Pakistan, Indien oder Bangladesch. Einige kommen zur Badesaison mit einem Touristenvisum ins Land und verbringen den Rest des Jahres wieder in Ihrem Heimatland. In diesem Fall ist natürlich die Arbeit als Strandverkäufer trotzdem illegal. Einige finanzieren sich auch ihr Studium in Europa mit dem Verkauf von Sonnenbrillen und dergleichen.

„Das Zeug ist Kitsch, Ramsch und Schrott!“

Naja, belegen kann ich die Behauptung zwar nicht – ich habe auch bisher von keiner Feldstudie zur Qualität von Produkten aus dem Strandverkauf gehört – aber vieles deutet darauf hin: Es handelt sich hier größtenteils um Billigware.

  • Wie so oft im Tourismusgeschäft ist auch der Strandverkäufer (meist) nicht auf Empfehlungen oder wiederkehrende Kundschaft angewiesen. Viel wichtiger als Qualität ist deshalb sein psychologisches Verkaufsgeschick.
  • Wegen hoher Konkurrenz, Armut unter den Verkäufern und mafiösen Strukturen in der Branche dürfte Qualität ein Luxus sein, welcher früher oder später der Wirtschaftlichkeit zum Opfer fällt.
  • Viele Strandgäste suchen auch nicht nach Qualität. Die Artikel werden oft aus Mitleid gekauft oder sollen gar am Ende des Urlaubs in der Mülltonne landen (z.B. Sonnenschirme oder Wasserspielzeug, das zu groß für den Reisekoffer ist).
  • Echte Markenprodukte sind bekanntlich immer gefälscht. Das sollte man aber nicht als Betrug am Kunden verstehen. Vielmehr kommen die Strandverkäufer mit ihrem Angebot lediglich der Nachfrage vieler Urlauber nach, die genau diese gefälschten Produkte haben wollen.

Wem hochwertige Produkte wichtig sind, der sollte also ein sehr gutes Auge für Qualität haben oder gleich einen großen Bogen um die Waren vom Strandhändler machen. Und in Hinblick auf die Gepäckbestimmungen vieler Airlines sollte man ohnehin nicht mit mehr Gepäck zurück reisen als auf dem Hinflug. Am besten, man besorgt die wichtigsten Dinge bereits vor der Reise. Hier ein Shopping-Tipp für Damenmode, die hochwertig und perfekt bei großer Hitze am Strand ist.

„An dem Verkauf verdient doch sowieso nur die Mafia“

Nicht ganz! Wenn es um italienische Strände geht, ist immer wieder von der Camorra die Rede (Artikel in: Il Mattino (italienisch)). Tatsächlich laufen alle Fäden immer in Neapel zusammen. Aber auch die Beteiligung chinesischer Triaden scheint offensichtlich, wenn es um gefälschte Modeartikel geht (Artikel in: La Republicca (italienisch)). Das Geschäft scheint sich für die Mafia zu lohen. So werden beispielsweise Verkäufer nach Sardinien verschifft, Essen und Unterkünfte organisiert, Territorien aufgeteilt, Konkurrenten eingeschüchtert und tonnenweise Waren umgeschlagen. Und natürlich müssen die meisten Strandverkäufer Italiens einen Teil ihrer Einnahmen an die Organisation abgeben. Doch auch wenn ein Großteil des Erlöses ganz offensichtlich nicht an die hungernde afrikanische Großfamilie geht, steht weiter die Frage im Raum: Soll ich lieber beim stationären Händler kaufen und die afrikanische Großfamilie geht ganz leer aus?

Ganz wichtig ist aber: Wir sprechen hier nur von Italien. Die meisten Strände der Welt sind natürlich bis heute von der organisierten Kriminalität verschont geblieben.

„So bedürftig sind die doch gar nicht!“

Doch, in der Regel schon! Wer die Tageseinnahmen eines Strandverkäufers hochrechnet mag die Summe möglicherweise ganz akzeptabel finden. Trotzdem sind fast alle bettelarm und müssen auf der Straße oder in sehr bescheidenen Unterkünften übernachten. Ein Kokosnussverkäufer auf Sardinien beispielsweise gibt etwa 60% der Einnahmen an die Camorra ab und ernährt von dem Rest seine Familie im Senegal. Hinzu kommt, dass das Geschäft nur während der Badesaison läuft.

Soll ich nun beim Strandhändler kaufen oder nicht, um ethisch korrekt zu handeln?

An den meisten Stränden der Welt kann man mit dem Kauf eines Strandartikels einen kleinen wirtschaftlichen Beitrag für den Händler und seine Familie leisten. Wem der Strandverkauf zu aufdringlich ist, kann sein Geld natürlich ebenso gut im lokalen Ladengeschäft ausgeben und fördert die Menschen vor Ort damit nicht weniger.

In Ländern wie Italien ist es sicher nicht ganz so einfach. Auch wenn man der Familie des Senegalesen mit dem Kauf einer Sonnenbrille evtl. eine kleine Mahlzeit finanziert, unterstützt man ja gleichermaßen auch die neapolitanische Camorra. Werten wir das mal als Minuspunkt.

Zuletzt könnte man noch anführen, dass dem stationären Handel geschadet wird und dem Staat durch den Schwarzverkauf Steuereinnahmen entgehen. In einem Land mit einheimischen Strandverkäufern ist das ein gutes Argument gegen den Strandverkauf. An europäischen Stränden, wo meist Händler aus den ärmsten Ländern der Welt ihre Ware anbieten, muss man sich aber entscheiden, ob man lieber das Reiseland unterstützen möchte, indem man im Laden einkauft, oder doch lieber das Heimatland des Verkäufers, bzw. den Verkäufer selbst, indem man am Strand einkauft.